Die Zeiten, in denen Kinder noch die Häuser verlassen und an den Türen ihrer Freunde klingeln mussten, um an der frischen Luft Gummitwist, Murmeln, Verstecken oder Hase und Jäger zu spielen, sind Relikte einer längst vergangener Zeit. Diejenigen, die diesen „Luxus“ noch erleben durften, könnten davon auch heute noch profitieren. Hierzu werteten Wissenschaftler der Universität in Kalifornien kürzlich Daten der größten, sich regelmäßig wiederholenden, nationalen Gesundheitsumfrage in Kalifornien aus, die zwischen 2011 und 2014 gesammelt wurden. Herangezogen wurden Daten aus insgesamt 81.102 Haushalten mit 4.538 Jugendlichen. Eine wesentliche Erkenntnis dieser Analyse war, dass der prozentuale Anteil der „Grünfläche“ (in der wissenschaftlichen Literatur als „Greenness“ bezeichnet) im Umkreis von 350 Metern zum Wohnhaus (Neighborhood Greenness) einen wie es scheint maßgeblichen Einfluss auf das seelische Wohlbefinden eines Teenagers hat: Viel Grünfläche bedeutet eine um 36% geringere Wahrscheinlichkeit für eine ernsthafte psychologische Belastung/Erkrankung als in einem Gebiet mit wenig Grünfläche. Da sich das pubertierende Gehirn in einer sensiblen (neuroplastischen bzw. umorganisierenden) Phase befindet, kommt laut den Autoren eine grüne Umgebung vor allem Jugendlichen zugute. Natürlich könnten auch Erwachsene davon profitieren.

Jeder, der schon einmal ein paar Tage in der Wildnis verbracht hat (ob als therapeutisches Retreat oder ohne jegliche Zweckmäßigkeit), weiß, dass der gesundheitsförderliche Effekt direkter Naturverbundenheit unübersehbar ist. Folglich kann der heutige moderne Lebensstil, zunehmend durch klinisch weiße Sterilität und Nüchternheit gekennzeichnet, als fremd und ggf. sogar als gesundheitsschädlich eingestuft werden. Die grassierende Landflucht zieht immer mehr Menschen in dicht besiedelte Städte, in denen Greenness abgesehen von wenigen Parks nur auf spärlich bepflanzten Balkonen existiert. Daher ist Neighborhood Greenness als Anteil bepflanzter Flächen in unmittelbarer Umgebung von größter Bedeutung und möglicherweise sogar eine Art Bürgerpflicht, um in urbanen Gefilden, halbwegs gesund zu bleiben. Eine Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2015 veranschaulicht, welche positiven Einflüsse ein hoher Grünanteil auf z.B. psychiatrische Erkrankungen, Übergewicht, kardiovaskuläre Erkrankungen, fetale Entwicklungen und Geburt sowie auf die Gesamtmortalität ausübt:

Interessant in diesem Zusammenhang ist eine kulturelle japanische Eigenart, die als „Waldbaden“ (jap. Shinrin-yoku; engl. forest bathing) bezeichnet wird. Erstmals wurde Shinrin-Yoku 1982 von einem nationalen japanischen Amt im Sinne der Gesundheitsförderung empfohlen. Aufgrund seiner entspannenden und stressreduzierenden Eigenschaften gewinnt das Waldbaden nun auch in Europa zunehmend an Aufmerksamkeit. Dabei steht die Verbundenheit mit der Waldatmosphäre durch Aktivierung natürlicher visueller, auditiver, olfaktorischer und taktiler Reize dieses therapeutischen Erlebnisses im Mittelpunkt. Untersuchungen an Menschen, die sich für wenige Tage und Nächte in einem Waldgebiet aufhalten, zeigen eine verbesserte Funktion bestimmter Immunzellen – genauer gesagt sogenannter Natürlicher Killerzellen, die zur Erkennung und Eliminierung virusinfizierter und entarteter Zellen fähig sind. Regelmäßige Aufenthalte in grünen (Wald-)Gebieten könnten also mindestens präventivmedizinischen Charakter haben ­– gerade in Bezug auf die alarmierend ansteigenden Statistiken psychischer Erkrankungen.

Also: Statt den nächsten Sommerurlaub am Teutonenstrand oder im komfortablen 5-Sterne- Wellnesshotel zu verbringen, schnappt Euch mal wieder Zelt und Schlafsack und macht Euch auf den Weg in ein abgelegenes Waldgebiet – mit Freunden, Familie oder alleine. Das spielt keine Rolle. Hauptsache Ihr tankt grüne Energie und schickt uns Euren Erfahrungsbericht!

Quellen:

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