Ohne das Gefühl von Angst hätten unsere Vorfahren nicht überlebt. Angst ist eine evolutionär notwendige Emotion. Als eine Art Warnsignal schützt Angst Mensch und Tier vor unsicheren, bedrohlichen und damit lebensgefährlichen Situationen. Angst wird bewusst wahrgenommen, um eine Verhaltensänderung hervorzurufen und damit einer potentiellen Gefahr zu entgehen oder zu begegnen. Dies setzt ein komplex agierendes zentrales Nervensystem mit einem vielschichtigen Netzwerk aus Nervenzellen voraus.

Warum viele Menschen heute von oft behandlungsbedürftigen Angstzuständen* geplagt sind , liegt darin begründet, dass wir nur noch selten Bedrohungen ausgesetzt sind, die wir seit Millionen von Jahren kennen, wie z.B. der häufig zitierte Säbelzahntiger. Kurzum: die kontextuelle Komponente hat sich geändert. Aus entwicklungsgeschichtlicher Sicht sind die vergangenen 10.000 Jahre ein Wimpernschlag. Das hatte zur Folge hat, dass unser Gehirn und damit das Zusammenspiel zwischen Psyche und Körper nicht mit den schnellen kulturellen, gesellschaftlichen und technologischen Veränderungen Schritt halten kann. Unser Gehirn ist immer noch nicht in der Lage zu unterscheiden, ob eine Angst real bzw. adaptiv (im dunklen Wald herumlaufen) oder nur imaginär bzw. maladaptiv (einen Horrorfilm schauen) ist. Ersteres kann eine tatsächliche Bedrohung darstellen. Zweiteres ist lediglich eine illusorische und damit nicht wirkliche präsente Bedrohung. In beiden Fällen werden jedoch die gleichen Hirnareale angesprochen, die das Angstgefühl auslösen können – nicht zu verwechseln mit vorübergehenden (!) und sich durch Routine verringernden Zuständen von Anspannung und Nervosität. Klinisch unterscheidet man eine situationsbedingte Angst (= state anxiety) von dem Charaktermerkmal Ängstlichkeit (= trait anxiety). Sind Angstgefühle in bestimmten Situationen extrem, dauern länger als sechs Monate an und wirken sich störend auf das alltägliche Leben aus, so ist eine Angststörung wahrscheinlich.

Das Stresssystem ängstlicher Menschen ist chronisch überaktiv. Und das ist eine überaus energieintensive Angelegenheit. Die Folge: ein nicht unerheblicher Teil der über die Nahrung aufgenommen Energie wird dazu benutzt, Stresshormone zu produzieren, um permanent auf Hochspannung zu sein. Ängstliche Menschen verbrauchen täglich 168 Kilokalorien mehr – und das betrifft noch nicht einmal Menschen mit Angststörungen [3]! Bei ihnen könnte der Grad an Energieverschwendung nochmals deutlich erhöht sein. Das Problem: Hierdurch kann das Gehirn auf Dauer in ein Energiekrise kommen, denn Müdigkeit und Erschöpfung sind der typischer Begleiter bei Angststörungen [4]. Zudem ist oft auch die Schlafqualität von Betroffenen beeinträchtigt, was den täglichen Kalorienumsatz weiterhin steigert.

Abb. 1: Positiver Einfluss von Bewegung, Darmgesundheit, Phytotherapie (Pflanzenheilkunde) und v.a. der Kontrolle über Emotionen und Gedanken auf die allgemeine Ängstlichkeit bzw. Angststörungen (=Anxiety).

Resilienz ist ein in diesem Zusammenhang inzwischen relativ bekanntes Modewort, womit die psychische Widerstandkraft gemeint ist. Sie hilft, Gedanken- und Emotionskontrolle zu entwickeln und damit viele Situationen rationaler und gelassener zu betrachten und erfolgreicher zu bewältigen. In einer norwegischen Untersuchung konnte an Jugendlichen gezeigt werden, dass eine stärkere Ausprägung von Resilienz mit verringerten Werten an Ängstlichkeit und Depression einhergeht [5]. Ein hohes Maß an Resilienz zeichnet sich aus durch hohe(n):

  • persönliche Kompetenz
  • Sozialkompetenz
  • Strukturiertheit (engl. structured style)
  • Familienzusammenhalt
  • soziale Ressourcen

Inzwischen werden sogenannte Resilienztrainings für Angst gestörte Menschen angeboten. In einem interessanten Vortrag  (https://www.youtube.com/watch?v=WWloIAQpMcQ) wird die Wichtigkeit von Coping-Strategien (engl. to cope = bewältigen) hervorgehoben, wodurch die Resilienz letztlich gestärkt wird. Das sind Strategien, um mit Gefühlszuständen, die während stressvoller Situationen ausgelöst werden, besser umgehen zu können. Zwei sehr effektive Strategien sind:

  1. Gewinne Kontrolle über Dein Leben: Leichter gesagt, als getan. Kontrolle bedeutet, dass man anstatt sich von Emotionen und destruktiven Gedanken leiten zu lassen, ein Bewusstsein für reale Ängste und bedrohliche Situationen entwickelt. Dadurch gelingt es besser, bisherige Angstgewohnheiten einzuordnen und zu relativieren. Das stärkt das Sicherheitsgefühl.
  2. Vergib´ dir selbst: Getroffene Entscheidungen, die man als Fehler wahrnimmt, werden oft bereut – manchmal ein Leben lang. Das kann lähmen und die Entscheidungsfindung maßgeblich beeinflussen. Häufig verstärkt Unsicherheit die Tendenz, Entscheidungen zu treffen. Die Angst vor möglichen Fehlentscheidungen wächst. Diese Ängstlichkeit kann sich auf viele andere Situationen des Lebens übertragen und Angststörungen fördern. Sich zu vergeben bedeutet, Akzeptanz für getroffene Entscheidungen zu entwickeln. Das Ergebnis ist eine verminderte Unzufriedenheit und damit weniger (Selbst-)Zweifel, was sich positiv auf das Selbstbewusstsein und damit auf die allgemeine Ängstlichkeit auswirkt.

Weitere positive Einflüsse konnten darüber hinaus durch…

  • körperliche Aktivität und regelmäßige Bewegung [6],
  • eine sich verbessernde Darmflora [7],
  • eine Kräuter basierte Ernährung [8]

gezeigt werden. „Angst haben wir alle. Der Unterschied liegt in der Frage wovor.“ (Frank Thiess)

*Ein Beispiel: In den Vereinten Staaten sind bereits 2005 fast 30% der Bevölkerung betroffen, was einen Kostenapparat von 42,3 Mrd. $ nach sich zieht [1,2].

[1] Kessler, R. C., Berglund, P., Demler, O., Jin, R., Merikangas, K. R., and Walters, E. E. (2005). Lifetime prevalence and age-of-onset distributions of DSM-IV disorders in the National Comorbidity Survey Replication. Arch. Gen. Psychiatry 62, 593–602. [See comment; Erratum appears in Arch. Gen. Psychiatry (2005) 62(7), 768].

[2] Greenberg, P. E., Sisitsky, T., Kessler, R. C., Finkelstein, S. N., Berndt, E. R., Davidson, J. R., et al. (1999). The economic burden of anxiety disorders in the 1990s. J. Clin. Psychiatry 60, 427–435.

[3] Schmidt et al. (1996). Resting metabolic rate is influenced by anxiety in college men.

[4] Roy-Byrne et al. (2002). Chronic fatigue and anxiety/depression: a twin study.

[5] Hjemdal, O. et al. (2011). The Relationship between Resilience and Levels of Anxiety, Depression, and Obsessive–Compulsive Symptoms in Adolescents. Clin. Psychol. Psychother. 18, 314–321

[6] Anderson, E. & Shivakumar, G. (2013). Effects of exercise and physical activity on anxiety. doi: 10.3389/PSYCHIATRY fpsyt.2013.00027

[7] Foster, J. A & Neufeld, K.-A. M. (2013). Gut–brain axis: how the microbiome influences anxiety and depression. Trends in Neurosciences, May, Vol. 36, No. 5

[8] Sarris, J. et al (2011). Herbal medicine for depression, anxiety and insomnia: A review of psychopharmacology and clinical evidence. doi:10.1016/j.euroneuro.2011.04.002