Blicken wir einmal ganz weit in die Vergangenheit zurück, in der Stress allgegenwärtig, aber für unsere Vorfahren überlebenswichtig war: Hormone und Neurotransmitter, die in akuten Stresssituationen ausgeschüttet werden, mobilisieren Energie, was ein plötzliches Flüchten vor Raubkatzen oder Kämpfen mit Artgenossen ermöglicht oder das Energielevel des Körpers während Hungerzeiten stabil hält [1,2]. Eine herausragende Rolle spielt dabei das Hormon Cortisol – die aktive Form des Cortisons. Insgesamt kommt es zu einer Aktivierung der gesamten Stressachse, was neben dem Hormonsystem auch das sympathische Nervensystem mit der Ausschüttung von Adrenalin und Noradrenalin einschließt. Das Zusammenspiel von Cortisol und Adrenalin/Noradrenalin mobilisiert Zuckermoleküle und Fettsäuren, um die Muskulatur und/oder das Gehirn mit Energie zu versorgen.

Nun stellt sich die Frage: Benutzen wir dieses System im 21. Jahrhundert überhaupt noch? Leider unterscheidet unser Gehirn nicht, ob uns ein Wolf gegenübersteht oder der Terminkalender überfüllt ist. Zudem müssen wir heutzutage oft Probleme lösen, für die wir gar nicht die notwendigen Kenntnisse besitzen. Überforderung und Ratlosigkeit sind die Folge – keine Seltenheit für viele Arbeitstätige im Digitalzeitalter.

Ein neuer Begriff, der diese Problematik hervorragend beschreibt, ist der sogenannte Technostress [3]. Technostress entsteht, wenn sich jemand durch das Nutzen neuer technischer Geräte oder Systeme oder mit der Nutzung überfordert fühlt. Darüber hinaus kann Technostress sowohl durch Arbeitsüberlastung, Rollenunklarheit, emotionale Überlastung, Mobbing sowie Probleme, die den Gebrauch der Technologie behindern, als auch durch mangelnde Autonomie, fehlende soziale Unterstützung und wenig ausgeprägte mentale Kompetenzen positiv vorausgesagt werden [4]. Dieser mentale Stress bedingt wie gesagt die Ausschüttung des Stresshormons Cortisol (Abb. 1). Und ein chronisch erhöhter Cortisolspiegel kann u.a. zu koronarer Herzkrankheit oder Immundefizienz führen. [5].

Abb. 1: Probleme bei der Nutzung einer technologischen Infrastruktur lösen Psychostress aus: Eine Kaskade der Ausschüttung verschiedener Hormone ist die Folge. CRH vom Hypothalamus bedingt die Ausschüttung von ACTH in der Hirnanhangdrüse. Das ACTH bedingt die Ausschüttung von Cortisol in der Nebenniere, welches positive kurzzeitige und negative langzeitige Effekte hat.( CRH: Corticotropin-Releasing-Hormon, ACTH: Adrenocorticotropes Releasing Hormon. Modifiziert nach [3].)

Ein anhaltendes Problem und die Wahrnehmung, dass dieses Problem neue Probleme verursacht, erzeugt chronisch-mentalen Stress. Dies wiederum bedeutet: chronisch erhöhte Cortisolspiegel mit seinen immunologischen (Immunsuppression), metabolischen (Insulinresistenz) und endokrinologischen (Cortisolresistenz und Erschöpfung) Folgen. Die folgende Abbildung zeigt, wie dieser Zustand, wenn er denn denn nur lange genug anhält, das Auftreten des metabolischen Syndroms (abdominelle Fettleibigkeit, Bluthochdruck, erhöhte Blutfettwerte und Insulinresistenz) begünstigt. Kurz gesagt: Die Fähigkeit des Menschen, interne psychische Stressoren in Abwesenheit externer Stressoren zu erzeugen und zu erleben, kann zu einer langfristigen Aktivierung der physiologischen Stressantwort führen, die oft gesundheitsschädliche Auswirkungen hat [1] (Abb. 2).

Abb. 2: Eine wahrgenommene Bedrohung realer oder rein gedachter Natur wird durch aktives Handeln bewältigt. Ist dies nicht möglich und eine Bedrohung wird passiv bewältigt, erfolgt eine Fehlanpassung des Organismus im Sinne einer positiven Verstärkung emotionaler und metabolischer Zustände, die den Krankheitsverlauf z.B. des metabolischen Syndroms beschleunigen. Modifiziert nach [6].

Was hilft? Schon einmal von sogenannten „Coping-Strategien“ gehört? Damit sind Verhaltens- oder Denkstrategien gemeint, die zur Reduktion der wahrgenommenen situativen Stressoren (Umstände, die Stress auslösen) maßgeblich beitragen. Sie sind sehr individuell. Ausprobieren geht über studieren. Also probieren Sie verschiedene Optionen aus und optimieren Sie sie für Ihre Bedürfnisse: Ob bewegende Pausen bei der Schreibtischarbeit (in Länge und Inhalt variierend) oder eine knackige Entspannungstechnik (Augen schließen, Atemtechniken, Musik, Powerpose etc.). Verschiedene Stressbewältigungsmaßnahmen führen nachweislich zu einer Verringerung des Blutdrucks, der Herzfrequenz und der Herzfrequenzvariabilität sowie zu gesünderen Werten hinsichtlich des Herz-Kreislauf- und Immunsystems.

[1] Dhabhar, F.S. (2009). A hassle a day may keep the pathogens away: the fight-or-flight stress response and the augmentation of immune function. Integr Comp Biol. 49(3):215-36.

[2] Tomiyama, A.J., Mann, T., Vinas, D., Hunger, J.M., Dejager, J. & Taylor, S.E. (2010). Low calorie dieting increases cortisol. Psychosom Med. 72(4):357-64.

[3] Riedl, Réne (2012). Technostress from a Neurobiological Perspective System Breakdown Increases the Stress Hormone Cortisol in Computer Users. DOI 10.1007/s12599-012-0207-7

[4] Salanova, M., Llorens, S. & Cifre, E. (2013). The dark side of technologies: technostress among users of information and communication technologies. Int J Psychol. 48(3):422-36.

[5] McEwen, B. S. (2007). Physiology and Neurobiology of Stress and Adaptation: Central Role of the Brain. Physiol Rev 87: 873–904.

[6] van Dijk, G. & Buwalda, B. (2008). Neurobiology of the metabolic syndrome: an allostatic perspective. Eur J Pharmacol. 585(1):137-46.