Weltglücksreport: Bist Du schon hygge – oder suchst Du noch?

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Weltglücksreport: Bist Du schon hygge – oder suchst Du noch?

Seit dem Weltglückstag am 20. März 2017 wissen wir nun: Deutschland scheint nicht gerade unglücklich, aber auch nicht wirklich zufrieden zu sein. Das belegt zumindest das weltweite Glücksranking, in dem das erfolgsverwöhnte Deutschland von 155 Ländern der Welt nur Platz 16 belegt. Kein sonderlich gutes Ergebnis für den Fussball-Weltmeister mit einem der besten Sozialsysteme, niedriger Arbeitslosenquote und freier Meinungsäußerung. Warum ist Deutschland so mittelmäßig, wenn es um das Thema Glück und Zufriedenheit geht? Und warum sind Norweger, Dänen und Isländer mit einem vergleichbaren Sozialsystem und weniger Sonnentage offensichtlich zufriedener als wir? Mehr Gehalt, weniger Steuern oder einfach eine positivere Lebenseinstellung?

Werfen wir hierfür einen Blick auf den World Happiness Report 2017, den die Columbia University in New York vor kurzem veröffentlichte. Die Weltrangliste des Glücks beruht auf der Auswertung von Fragebögen, die das subjektive Wohlbefinden in 155 Staaten misst. Die Lebenssituation wird nach verschiedenen Kriterien auf einer Skala von 1-10 eingeschätzt. Die Scores werden summiert und in Relation zu einem fiktiven Land (als Dystopia bezeichnet) gesetzt, das die weltweit niedrigsten Werte repräsentiert. Auf dieser Basis entsteht die „Weltrangliste“ des Glücks (siehe Abbildung 1).

Abb. 1: Der World Happiness Report der UNO (2017)

 

Stellt sich allerdings die berechtigte Frage: Was bedeutet eigentlich Glück? Jeder sieht das natürlich anders, denn Glück ist ja bekanntlich eine subjektive Empfindung. Um Glück und Zufriedenheit möglichst objektiv darzustellen, beruft sich der Weltglücksreport auf sechs Hauptkriterien: Durchschnittliche Bruttoinlandsprodukt pro Kopf, Lebenserwartung, persönliche Unterstützung aus dem sozialen Umfeld, Freiheit in der Lebensführung, Großzügigkeit und Wahrnehmung von Korruption. In diesem Jahr verdrängten die Norweger Dänemark vom ersten Platz, wobei die Top 5 sehr eng beieinander liegen. Werte wie Freiheit, Großzügigkeit, Ehrlichkeit und Gesundheit scheinen also charakteristisch für Skandinavien zu sein. Ausreißer ist die Schweiz. Auch die Schweizer sind offenbar rundum zufrieden. Ob es an den Riccola-Kräuterbonbons, dem Schweizer Käse oder dem Schweizer Uhrwerk liegt – diese Antwort bleibt der Report schuldig

Auch die OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) erstellt einen Index, der die Lebenssituation in verschiedenen Nationen darstellt. Der Better Life Index setzt sich aus insgesamt elf Faktoren zusammen. Ähnlich dem Weltglücksreport bewerten die Einwohner der befragten Länder auf einer Skala von 1-10. Ergänzend zu den Kriterien des Weltglücksreports berücksichtigt dieser Index auch Bildung, Umwelt und Sicherheit. Interessanterweise liegen auch hier die skandinavischen Länder vorn. Und Deutschland ist auch hier Mittelmaß.

Abb. 2: Der OECD Better Life Index.

In Bhutan, einem Land im Himalaya so groß wie die Schweiz, hat das Bruttonationalglück sogar oberste Priorität. Während anderswo das Wirtschaftswachstum im Vordergrund steht, setzt das kleine Königreich auf Förderung der sozialen Gerechtigkeit, Bewahrung kultureller Werte, Schutz der Umwelt und gute Regierungs- und Verwaltungsstrukturen. Klingt fast so wie ein rot-grünes Wahlprogramm. Trotz dieses interessanten Ansatzes gehört Bhutan mit 43,4% glücklicher Menschen (Stand 2015) und einem vergleichsweise niedrigen Pro-Kopf-Einkommens nicht gerade zu den Spitzenreitern. Also macht Geld doch glücklich?

Was haben die Skandinavier, was wir nicht haben?

Um auf den World Happiness Report zurückzukommen: Was katapultierte Norwegen denn nun an die Spitze? Der Soziologe Anders Barstad beschreibt die Norweger als ein Volk, das sich weniger Sorgen machen muss als Einwohner anderer Länder: „Wir sind ein reiches Land. Wir haben viele Ressourcen und ein hohes Einkommen.“ Haben wir das in Deutschland nicht? Gut, Öl schießt zwar nicht aus dem Boden, wenn man mit dem Spaten in einen Blumenbeet sticht. Aber Reichtum und hohe Einkommen hat Deutschland doch auch? Während in Deutschland durchschnittlich 40% des Bruttolohns für Einkommenssteuer und Sozialabgaben draufgehen, werden den Schweizern nur 16% abgezogen. Also doch ein Frage des Geldes? Das Geheimnis der Dänen, die vier Jahre lang die Spitzenposition inne hatten und die ähnlich hohe Abgaben wie wie Deutschen zahlen, soll sich hinter dem Begriff „hygge“ verbergen. Der mit heimelig am prägnantesten übersetzte Begriff bezieht sich auf eine ausgeglichene Work-Life-Balance. Im Gegensatz zu uns, fühlt sich die dänische Gesellschaft sehr ausbalanciert. Die meisten Dänen arbeiteten arbeiten „nur“ von 8-16 Uhr und rühmen sich nicht wie in New York oder London mit einer 80-Stunden-Woche, „um dann abends schnell in ein Restaurant zu rennen und das Tageswerk zu instagrammen“, wie es Nicolaj Reffstrupp, Chef des dänischen Modelabels Ganni, auf den Punkt bringt. Die Dänen sind also weit weg vom täglichen Hamsterrad und haben eben Zeit für „hygge“.

Sollten wir alle ein wenig „hygge“ werden?

Ist hygge also das Geheimnis? Die Welt etwas entspannter zu sehen, das Leben genießen und zufrieden sein mit dem, was man hat? Hört sich nach einem klassischen 0815-Selbstfindungsratgeber an, scheint in den glücklichsten Ländern der Welt allerdings hervorragend zu funktionieren. Natürlich nutzen auch Dänen und Norwegern Instagram, und in Dänemark zahlt man sogar deutlich mehr Einkommenssteuer als in anderen Nationen. Dafür sind die Kranken-, Arbeitslosen-, Pflege- und Rentenversicherung all inclusive. Schweiz, Bhutan, Norwegen, Dänemark –  die Sache mit dem Glück scheint also ziemlich komplex zu sein. Vielleicht können wir uns eine Scheibe von der nordischen Relaxtheit abschauen und ein wenig „hygge“ werden. Dann gelingt 2018 vielleicht auch der Sprung in die Top 10!

Und was lernen wir daraus?

Im dem Film „Hectors Reise oder die Suche nach dem Glück“ reist ein junger Psychiater um die ganze Welt, um zu verstehen, was Glück wirklich bedeutet. In Hong Kong erhält er schließlich eine Liste von einem Mönch mit folgenden Lektionen:

Lektion Nr. 1: Vergleiche anzustellen ist ein gutes Mittel, sich sein Glück zu vermiesen.
Lektion Nr. 2: Glück kommt oft überraschend.
Lektion Nr. 3: Viele Leute sehen ihr Glück nur in der Zukunft.
Lektion Nr. 4: Viele Leute denken, dass Glück bedeutet, reicher oder mächtiger zu sein.
Lektion Nr. 5: Manchmal bedeutet Glück, etwas nicht zu begreifen.
Lektion Nr. 6: Glück, das ist eine gute Wanderung inmitten schöner unbekannter Berge.
Lektion Nr. 7: Es ist ein Irrtum zu glauben, Glück wäre das Ziel.
Lektion Nr. 8: Glück ist, mit den Menschen zusammen zu sein, die man liebt.
Lektion Nr. 8 b: Unglück ist, von den Menschen getrennt zu sein, die man liebt.
Lektion Nr. 9: Glück ist, wenn es der Familie an nichts mangelt.
Lektion Nr. 10: Glück ist, wenn man eine Beschäftigung hat, die man liebt.
Lektion Nr. 11: Glück ist, wenn man ein Haus und einen Garten hat.
Lektion Nr. 12: Glück ist schwieriger in einem Land, das von schlechten Leuten regiert wird.
Lektion Nr. 13: Glück ist, wenn man spürt, dass man den anderen nützlich ist.
Lektion Nr. 14: Glück ist, wenn man dafür geliebt wird, wie man eben ist.
Anmerkung: Zu einem lächelnden Kind ist man freundlicher (sehr wichtig).
Lektion Nr. 15: Glück ist, wenn man sich rundum lebendig fühlt.
Lektion Nr. 16: Glück ist, wenn man richtig feiert.
• Lektion Nr. 17: Glück ist, wenn man an das Glück der Leute denkt, die man liebt.
• Lektion Nr. 18: Glück ist, wenn man der Meinung anderer Leute nicht zu viel Gewicht beimisst.
Lektion Nr. 19: Sonne und Meer sind ein Glück für alle Menschen.
Lektion Nr. 20: Glück ist eine Sichtweise auf die Dinge.
Lektion Nr. 21: Rivalität ist ein schlimmes Gift für das Glück.
Lektion Nr. 22: Frauen achten mehr auf das Glück der anderen als Männer.
Lektion Nr. 23: Glück bedeutet, dass man sich um das Glück der anderen kümmert?

 


Quellen:

World Happiness Report: http://worldhappiness.report/
Frankfurter Allgemeine Zeitung (2017): Bist du schon hygge? http://www.faz.net/aktuell/stil/leib-seele/daenisches-lifestyle-phaenomen-hygge-14920530.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2
Kölner Stadtanzeiger (2017): Die Glückspilze aus dem Norden. Ausgabe vom 21. März 2017.

OECD (2015): How’s Life? 2015: Measuring Well-being, OECD Publishing, Paris.

2017-06-27T18:12:42+00:00 13.04.2017|Medizin|0 Kommentare

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